Lasst uns nun den in Teil 1 und Teil 2 schon angedeuteten Bezug zwischen der Triple Bottom Line und Deinem Führungsstil noch näher beleuchten. Als erstes möchten wir Dich einladen, einen Blick auf die Herausforderungen unserer Zeit zu werfen, um dann im nächsten Schritt auf Spannungsfelder einzugehen und Dir im dritten Teil dieses Kapitels ganz konkrete Tipps für Deinen Alltag mitzugeben.
1. Herausforderungen der neuen Zeit
Mit der “neuen Zeit” meinen wir die letzten 10–15 Jahre, wobei insbesondere die Zeit seit 2020 durch Corona, Krisen und Kriege noch einmal besonders ist.
Wir haben es mit einer Reihe von chaotischen, nicht vorhersehbaren und unberechenbaren Situationen zu tun, die jeglicher Struktur entbehren – sei es durch Klimakatastrophen, Kriege oder globale Pandemien.
Was braucht es, um dieser Welt in Deinem Führungsalltag zu begegnen?
Business-Minimalismus für eine regenerative Führung kann Dich hier sehr unterstützen. Nutze gerne unser Framework mit den einzelnen Bereichen als Grundlage für Deine Führung im Alltag:
Schaffe durch Loslassen Fokus und Klarheit. Gehe Schritt für Schritt voran. Struktur & Ordnung sind wesentliche Wegbegleiter, um Projekte zum Abschluss zu bringen. Schlanke Prozesse sorgen dafür, dass Ihr immer im Flow seid. Mit der Konzentration auf das Wesentliche öffnet Ihr Räume, in denen Menschen, Beziehungen und Organisationen sich regenerativ entwickeln können. Den iterativen Kreislauf Eures Business-Minimalismus könnt Ihr im Team mit den Starfish reflektieren.
Praxistipp: Das Starfish-Modell im Führungsalltag
Minimalistisch-regenerativ zu führen heißt, wenige, aber wirkungsvolle Modelle zu nutzen. Der Starfish ist eines davon. Wenn Du im agilen Arbeiten unterwegs bist, kennst Du den Seestern vielleicht schon aus Euren Retros.
Du kannst zusammen mit Deinem Team entscheiden, welchen Aspekt des Business-Minimalismus-Frameworks Ihr unter die Lupe nehmen wollt.
Wenn Ihr Euch für mehrere entscheidet, schaut sie Euch nacheinander an!

So kannst du mit dem Starfish-Modell arbeiten
1. Ich empfehle Euch, mit dem “Weitermachen” zu beginnen.
Hier sammelt Ihr nämlich alles, was schon gut läuft, was so bleiben kann, worauf Ihr aufbauen wollt.
Das hat folgende Wirkung:
- Es stärkt Euer Selbstbewusstsein
- Ihr wisst, dass Ihr nicht bei 0 anfangt – das erleichtert Transformationsprozesse
- Ihr bringt so die nötige Stabilität in Entwicklungsprozesse
2. Ausgehend vom “Weitermachen” könnt Ihr dann entscheiden, wovon Ihr noch mehr wollt.
- Nehmt Euch nicht zu viel vor, Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut
- Seid Euch gewiss, dass Ihr aus allem, was Ihr macht, profitiert – jede Handlung wirkt quasi mit einem “Zinseszins”
- Es ist besser, Ihr nehmt Euch 1–3 gute nächste Schritte vor und setzt diese auch um als einen Sack voller Ideen, die dann im Sande verlaufen
3. Was wollt Ihr stoppen?
- Manche Dinge überholen sich im Laufe der Entwicklung
- Was macht keinen Sinn mehr für Euch?
- Trennt Euch von überflüssigem Ballast – so schafft Ihr Raum für Neues
4. Wovon macht ihr weniger?
- Gerade im Bereich des Business-Minimalismus ist weniger oft mehr
- Was passt zu Euch und in welchem Umfang?
- Fokus ist besser als alles auf einmal zu wollen!
5. Was beginnt Ihr neu?
- Macht hier den Realitätscheck: Wie viel schafft Ihr wirklich?
- Was sind die essentiellen Schritte, die Euch Euren Fokus-Zielen wirklich näher bringen?
- Wo wollt und könnt Ihr Eure Energie reingeben?
2. Typische Spannungsfelder der Triple Bottom Line
Du kennst das schon aus Deinem Führungsalltag: Wann immer es um Entwicklung geht, gibt es Zwickmühlen und Spannungsfelder.
Ohne diese Spannungsfelder geht auch das Thema “Minimalistisch-regenerativ führen” nicht ab. Wir haben im Folgenden die Felder herausgegriffen, die uns am häufigsten begegnen:
2.1 Spannungsfeld Zeit in der Triple Bottom Line
Lass uns gerne mit dem Thema Zeit anfangen.
Keine Zeit für Führung? Ich habe so viel im operativen Tagesgeschäft zu tun. Ja, das stimmt, trotzdem ist es aus unserer Sicht eine Milchmädchenrechnung.
Wir sind der Meinung, dass Unternehmen, die nicht regenerativ denken und handeln auch nicht zukünftsfähig sind. Insofern ist Business-Minimalismus viel mehr als ein Trend.
Aber natürlich geben wir Dir auch recht, dass, um etwas Neues zu etablieren, dies eine Investition braucht – auch von Zeit.
Diese gewinnst Du durch das Loslassen als Kernkompetenz und Haltung.
Wenn Du an die Eisenhower-Matrix denkst, ist Führung eine strategische Aufgabe, eine B-Aufgabe:

Du musst also bewusst Zeit einplanen, von allein bleibt sie nicht übrig. Wenn Du nichts tust, gehst Du im operativen Tagesgeschäft in Deinen A- und C-Aufgaben auf. Hier läufst Du aber gerade in Bezug auf das Thema Führung Gefahr, ins Hintertreffen zu gelangen und den Anschluss zu verlieren.
Praxistipp: Eine Pomodoro für Deine minimalistisch-regenerative Führung!
Nimm Dir an jedem Arbeitstag – wirklich an jedem!!! – mindestens eine Pomodoro-Einheit für Deine Führungsthemen. Es wird sich auszahlen, weil sich die Ergebnisse des Zitats, was häufig Einstein zugeschrieben wird: “Das achte Weltwunder ist der Zinseszins” ganz von selbst einstellen; jeden Tag erweiterst Du Dein Wissen, setzt sich der Business-Minimalismus-Gedanke in Deinem täglichen Tun mehr und mehr durch. Möglicherweise geht es Dir dann wie dem Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus, der seinen Weg in dem Buch “Fliegen lassen” sehr eindrücklich beschreibt.2
Hier nochmal kurz die Erklärung, wie das mit den Pomodoro-Einheiten funktioniert:
- Definiere Deine Aufgabe für 25 Minuten
- Stelle deinen Timer auf 25 Minuten
- Arbeite, bis der Timer klingelt
- Hake die Aufgaben als erledigt ab
- Mache eine Pause von 5 – 10 Minuten
- Nach 4 Pomodori (= 4 Einheiten) ist eine größere Pause fällig (mind. 30 Minuten)
Welche Aufgabe Du für die 25 Minuten definierst, ist Dir überlassen, hier aber ein paar Impulse:
- Recherchiere nach Best Practices minimalistischer Unternehmen im Netz
- Vernetze Dich mit Führungskräften, von denen Du in diesem Bereich lernen kannst
- Erweitere Deine Business-Minimalismus-Kompetenz, indem Du einen Beitrag liest, ein Video hörst
- …..
2.2 Spannungsfeld Ökonomie und Ökologie in der Triple Bottom Line
Ja, auch dieses Spannungsfeld ist keinem Unternehmer unbekannt. Gerade ökonomische und ökologische Interessen können sich mitunter im Wege stehen - wir hatten es am Anfang erwähnt. Wie kannst Du damit umgehen?
Die entscheidende Frage ist für uns die zwischen Kurz- und Langfristigkeit. Kurzfristig ist es gut möglich, dass Du denkst: Andere Sachen sind wichtiger, ich habe nichts gegen regeneratives Wirtschaften, aber ich muss – gerade in Krisenzeiten – an das Überleben des Unternehmens denken – und hier stehen ganz klar wirtschaftliche vor sozialen Interessen.
So gedacht haben möglicherweise auch Verantwortliche bei den Luftfahrtgesellschaften in Corona-Zeiten. Warum haben umfassende Unterstützungen – an die Lufthansa sind während Corona lt. Dahlmann rd. 10 Mrd. Euro! geflossen – dennoch nicht zu einer positiven Entwicklung geführt? Don Dahlmann schreibt im Juli 2022 über den Wahnsinn an deutschen Flughäfen: “Die Staatshilfen führten nicht dazu, dass das Flugpersonal gesichert wurde. Stattdessen gab es Massenentlassungen. Sowohl bei den Airlines als auch den Betreibern der Flughäfen. Das führte im Nachhinein zu den erheblichen Engpässen, die viele Urlauber erleben mussten. Dass die Unternehmen kurzfristig kein neues Personal fanden, liegt auch daran, dass kaum jemand Lust hat in einer Branche zu arbeiten, in der harte Schichtarbeit mit Dumpinglöhnen und Zeitverträgen ausgeglichen wird.3
Kurzfristig kam es zu Einsparungen, langfristig zu Imageschäden, deren volle Auswirkungen Luftfahrtgesellschaften wahrscheinlich erst in der Zukunft spüren werden.
Unternehmerisch denken heißt eben vor allem, vorausschauend zu agieren, zukünftige Entwicklungen – ob gesetzlicher Art, die Entwicklung von Kund:innen und anderen Stakeholdern zu antizipieren und in die eigene Entwicklung einzubeziehen. Und hier – so viel steht fest – wird es ohne das Thema Nachhaltigkeit und regeneratives Wirtschaften nicht gehen.
Praxistipp: Reflexion mit dem Modell des Sustainable Mindset
Nimm Dir Zeit für Deine Entwicklung der minimalistisch-regenerativen Führung, bleibe am Thema und reflektiere regelmäßig.
Als Basis kann Dir das Modell des Sustainable Mindset dienen.
Entwickelt wurde es von Isabel Rimanoczy. Die folgende Grafik ist dem gleichnamigen Buch entnommen.5

Isabel Rimanoczy bringt mehr als 30 Jahre Erfahrung in Forschung, Lehre und als Autorin mit. Sie ist Mitglied einer Gruppe von 135 Akademikerinnen, die auf 5 Kontinenten zum Sustainability Mindset forschen. In dem Buch sind die 12 wichtigsten Aspekte aus dieser Forschungsarbeit zu einem Framework zusammengetragen worden, unterteilt in 4 Gruppen.
Wie kannst Du mit als Führungskraft mit diesem Framework arbeiten?
Wir haben 2 praktische Anwendungstipps für Dich:
1. Entscheidung für einen Aspekt
Du suchst Dir einen Aspekt heraus, den Du als nächstes weiterentwickeln willst.
2. Standortbestimmung
Du bestimmst auf der Skala von 0 (der Punkt ist noch gar nicht ausgeprägt) bis 10 (voll und ganz ausgeprägt) Deinen derzeitigen Stand (x).
3. Dann kannst Du für Dich die folgenden Fragen beantworten:
- Woran erkenne ich, dass ich auf x bin?
- Was mache/denke ich in meinem Alltag?
- Wie bin ich bereits auf x gekommen?
- Was waren wichtige Schritte für mich?
- Über welche Fähigkeiten / welches Wissen verfüge ich jetzt schon, wo ich auf x bin?
- Welche Werte lebe ich auf x?
4. Bestimme nun den nächsten Schritt auf der Skala, den Du gehen willst (y).
Beantworte wieder die folgenden Fragen:
- Woran merke ich, dass ich auf y bin?
- Was ist hier (auf y) anders oder besser?
- Wie kann ich meine Fähigkeiten aus 3. nutzen, um auf y zu kommen?
- Was sind Teilziele auf dem Weg nach y?
5. Überlege Dir nun ganz konkrete nächste Schritte, um auf y zu kommen
Weniger ist mehr! Ein bis maximal drei Schritte reichen!
- Bis wann willst Du die Schritte gegangen sein? Setze ein festes Zeitziel!
- Wer kann Dich dabei unterstützen, Dein Ziel zu erreichen?
- Wie kannst Du sicherstellen, dass Du an Deinem Ziel dranbleibst?
6. Reflektiere Dein Vorankommen
- Wie empfehlen Dir, einmal im Monat Dein Vorankommen zu reflektieren.
- Am besten Du vereinbarst einen JourFixe mit Dir selbst am letzten Tag des alten Monats oder am ersten Tag des neuen Monats.
- Nimm Dir 20 Minuten Zeit (das reicht in der Regel) und nutze gerne das oben beschriebene Starfish-Modell.
Wir wünschen Dir viel Spaß mit der Triple Bottom Line.
Wir freuen uns, wenn wir uns wiederhören/ lesen/ uns sehen.
Herzlichst
Kathrin
Hier kannst du die anderen Teile dieser Serie lesen:

Autorin: Kathrin Scheel
Kathrin Scheel ist Management Executive Coach (ECA), Lehrcoach und Lehrtrainerin (ECA) sowie Trainerin für Führung & Entwicklung. Und sie ist Inhaberin von zeitsprung. Ihr liegt eine ausreichende Regeneration von Menschen und der Natur am Herzen. Business-Minimalismus kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten.
Quellen
1) https://stephangrabmeier.de/bani-vs-vuca/, Abgerufen am 01.06.2022
2) Reckhaus, Hans-Dietrich, Fliegen lassen. Wie man radikal und konsequent neu wirtschaftet.
3) Don Dahlmann,https://www.businessinsider.de/gruenderszene/automotive-mobility/drehmoment-krise-airlines-lufthansa-a/?tpcc=offsite_gs_e-mail_daily, Abruf am 12.07.2022
4) https://www.sdg-allianz.li/das-7-generationen-prinzip-der-irokesen/, Abruf am 11.07.2022
5) Isabel Rimanoczy, Sustainability Mindset, Routledge London and New York, 2021, S. 21